„Wohnst du noch oder lebst Du schon?“

Neue Wohnformen im Alter

„Wohnst Du noch oder lebst Du schon?“ mit diesem Werbeslogan wirbt ein schwedischen Möbelhaus. Aufgezeigt werden soll der Vergleich zwischen „nur“ wohnen, wobei einem die Einrichtung unwichtig ist, und dem propagierten „leben“ mit dem Appell, die Wohnqualität mit Hilfe eines kreativen Einrichtungsstils zu erhöhen. Ich möchte da anknüpfen und gedanklich sogar noch einen Schritt weiter gehen. Die Frage nach dem guten Leben sollte sich nicht nur auf den Einrichtungsstil beziehen, sondern auch auf die Wohnform und die Lebenseinstellung.

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Die Auseinandersetzung mit der Frage: „Wie und wo will ich im Alter leben?“ sollte man sich viel öfter und vor allem sehr früh stellen. Das Thema ist bei den meisten Menschen negativ besetzt. Man geht erst einmal von Defiziten und Altersgebrechen aus und stellt sich die Frage vor dem Hintergrund, was, wenn ich eines Tages nicht mehr alleine zurecht komme? Ich sehe hier vor allem die positiven Aspekte. Wenn man nicht mehr im Berufsleben steht, die Kinder versorgt sind und das Haus abbezahlt ist, dann könnte man diese Freiheit ja nutzen, um noch einmal neu durchzustarten. Das kann die Verwirklichung eines lange gehegten Traumes sein und sich noch einmal komplett neu zu erfinden. Dazu bräuchte es allerdings Mut und Neugier, die Lust auf andere Menschen zuzugehen und die Bereitschaft zum Risiko. Und nicht zuletzt auch Geduld, denn diese Wohnprojekte benötigen zur Umsetzung einen langen Atem, wenn man sich ab der ersten Stunde einbringen möchte.

Das Schöne dabei ist, bei den sogenannten neuen Wohnformen gibt es viele verschiedene Modelle und die unterschiedlichsten Konzepte. Man kann sie unter anderem einteilen in die verschiedenen Grade von Distanz und Nähe innerhalb der Gemeinschaft. Ich kann im Extremen mit anderen eine WG gründen und wie in alten Studententagen mit meinen Mitbewohnern Bad und Küche teilen. Oder aber in einer Baugruppe ein gemeinsames Wohnprojekt gründen, bei dem jeder seine eigene abgeschlossene Wohnung hat, aber bewußt Flächen für die Gemeinschaft eingeplant werden. Die Möglichkeiten sind vielfältig. Mache sind noch recht unbekannt, andere Konzepte sind fast in Vergessenheit geraten, wie die familiären Mehrgenerationenhaushalte, die lange unsere Gesellschaft geprägt haben.

In den Medien präsent sind zur Zeit die Mehrgenerationenhäuser, die es schon fast in jeder Stadt gibt. Jung und Alt leben dort zusammen, helfen sich im Alltag bei der Versorgung und übernehmen Verantwortung für die Nachbarn. Gelebte Nachbarschaft, wie es sie früher auf dem Dorf gab. So sind ja viele aufgewachsen. Heute besinnt man sich dieser alten Werte der sogenannten sorgenden Gemeinschaft und versucht sie in Quartierskonzepten umzusetzen. Das Leitbild heißt hier, man kennt sich, grüßt sich und bekommt mit, wenn es einem Nachbarn mal schlecht geht. Als Henning Scherf 1987 eine Senioren WG in Bremen gründete, galt er noch als Exot. Heute ist er Vorreiter einer deutschlandweiten Bewegung und berichtet auf Lesereisen von seinen Erfahrungen. Nicht jede Wohnform ist für jeden das Richtige. Aber umgekehrt lässt sich sagen, für jeden Typ Mensch gibt es ein passendes Angebot.

Wenn dann doch mal die Alterserscheinungen sich bemerkbar machen sollten, kommen Konzepte, wie das betreute Wohnen oder die Wohngruppen ins Spiel. Oberster Grundsatz ist die Gewährleistung der Selbstbestimmung. Jeder Mensch sollte individuell entscheiden können, wie er seinen Tagesablauf gestalten will. Dies gepaart mit Unterstützungsangeboten erscheint den meisten Menschen als die Idealform des Wohnens im Alter.

Ein noch recht neues Konzept heißt „Wohnen für Hilfe“. Hier können Studenten sich bei Senioren einmieten und müssen die Mietzahlung in der Form ableisten, dass pro qm Wohnfläche eine Stunde Unterstützung je Monat geleistet werden muss. Hier profitieren nicht nur die alten Menschen. Auch die Studenten berichten über bereichernde Erfahrungen.

Menschen wieder näher zusammenzubringen, in Zeiten in denen die Familienbande auseinander brechen und Generationenverträge im Bereich Versorgung und Pflege nicht mehr greifen, bildet die Basis aller Projektideen. Eine Chance für unsere Gesellschaft und für eine Zukunftsperspektive ohne Ängste vor Altersarmut und Einsamkeit, sind der treibende Motor der Bewegung. Ich wünsche uns allen mehr kreatives Potential, Mut und Energie zur Umsetzung der vielen bereits vorhandenen Ideen. Das bedeutet, sich mit der eigenen Wohnsituation kritisch auseinanderzusetzen und sich aktiv an die Ideenfindung zu machen. Ich plädiere dafür, nicht nur zu „wohnen“, sondern zu „leben“.

Herzlichst Ihre

Sabine van Waasen